Streik – Bericht von Daniel Schreiber (München)

Dieser Originalbericht aus dem Jahr 1989 wurde entnommen aus der Zeitschrift „Widerspruch“ Nr. 16/17 (1989), S.176-182, als PDF zu finden unter: www.widerspruch.com/artikel/1617-12-01.pdf

Die allgemeine Notlage der StudentInnen – die katastrophale Situation des
Wohnungsmarktes, die Überfüllung der Universität und der Mangel an
DozentInnen, Büchern und Räumen ließ die Welle des bundesweiten Stu-
dentInnenprotestes mit einiger Verspätung sogar bis nach München kom-
men. Obwohl die materielle Notlage der StudentInnen in München beson-
ders groß ist, und es zudem in Bayern ebenso wie in Baden-Württemberg
nicht einmal mehr eine verfaßte StudentInnenschaft mehr gibt, ist die stu-
dentische Opposition in München schwächer als in den meisten anderen
Universitätsstädten der Republik.

In folgender Chronologie der Streiktage möchte ich am Beispiel des Philo-
sophischen Institutes zeigen, wie gerade in veränderungsbedürftigen Herr-
schaftsstrukturen das Oppositionspotential besonders gering gehalten wird.
Dies drückt sich sogar im Lehrangebot des Philosophischen Institutes aus:
Bei über 100 Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1989 und 68 Dozen-
ten (darunter nur 7 Frauen – keine davon ist Professorin) erscheint das Insti-
tut als Muster für Pluralität. Bei genauerer Betrachtung ist jedoch nicht nur
„eine gewisse Spezialisierung“ zu bemerken, sondern eine sicher nicht zufäl-
lige Dominanz bestimmter Positionen. So finden sich im Sommersemester
1989 sieben Veranstaltungen zu Kant, acht über antike Philosophie, zehn
zum deutschen Idealismus und zwölf über christliche Themen. Dem stehen
ganze sechs Veranstaltungen zur gegenwärtigen Philosophie gegenüber.
Entsprechend der Hochschulpolitik der Staatsregierung, die zwar eine be-
dingte finanzielle Förderung der Universität in Erwägung zieht (Ingenieurs-
wissenschaften!), jedoch die Demokratisierung der Hochschule schlichtweg
ablehnt, herrscht auch am Philosophischen Institut der LMU ein patri-
archaler, religiös-idealistischer Diskurs vor. Da auf dem kapitalistischen
Arbeitsmarkt für ausgebildete Philosophen kaum Bedarf besteht, erscheint
es vielen StudentInnen für ihr berufliches Weiterkommen wichtig, ihre
universitäre Karriere durch Konformität zu sichern. Ist sie/er erst einmal als
HilfswissenschaftlerIn auf der ersten Sprosse der Leiter, sieht so mancher -
wie der Streik gezeigt hat – auch keine Notwendigkeit der Veränderung der
Studienbedingungen mehr: Die Betreuung durch den Professor ist gewähr-
leistet, eine Assistentenstelle rückt in greifbare Nähe. Wieviele trotz Kon-
formität auf der Strecke bleiben, verdeutlichen folgende Zahlen: Bei mehre-
ren hundert Studienanfängern pro Semester im Fach Philosophie bestehen
weniger als zwanzig pro Semester die Magisterprüfung.
So weit, so schlecht.

Wie sehr die „Schere im Kopf“ der Münchner StudentInnen auch noch
ihren „Streik“ beeinflußte, zeigt der Vergleich mit den Streikaktionen in
Berlin.

Berlin, 15.12.1988: „Der Akademische Senat der FU will im Audi-Max ta-
gen. Da er beim Besetzungsrat keinen Raumantrag gestellt hat, trifft er im
Audi-Max auf ein gut besuchtes autonomes Seminar „Demokratie an der
Uni“ und muß die Sitzung absagen“ (aus dem KALENDER – UNI
BEFREIT 1989“, Berlin). Zu diesem Zeitpunkt ist die FU bereits 2 Wochen
bestreikt und besetzt. Ebenso die anderen Hochschulen Berlins.
München, 21.12.1988: 700 StudentInnen der LMU und der TU treffen sich
unter dem Motto „Berlin brennt, München pennt“ auf dem Odeonsplatz
und hören sich eine halbe Stunde lang Reden von Vertretern des AStA,
einiger Parteien und der Gewerkschaften zum Thema Hochschulnotstand
an.

Berlin: Vom 6.1.1989 bis zum 9.1.1989 findet in Berlin an der Befreiten
Universität (ehem. FU) und der ebenfalls besetzten TU der internationale
StudentInnenkongreß „UNiMUT – Alternativen zur Fremdbestimmung“
statt. Zuvor war an den besetzten Unis eine Vielzahl autonomer Seminare
und Diskussionsforen entstanden, in denen die Situation der Hochschule
analysiert wird und neue Vorstellungen von Studium, Wissenschaft, Univer-
sität und Gesellschaft entwickelt werden. Schwerpunkte dieser Vorstellun-
gen sind „die Herstellung der Autonomie der Universität zum Zweck einer
problemorientierten sowie konfliktbereiten Wissenschaft, losgelöst von den
Verwertungsinteressen der Wirtschaft und des Militärs“ und die „Interdis-
ziplinarität im Sinne einer konstruktiv-kritischen Zusammenarbeit innerhalb
und zwischen den Instituten und Fachbereichen“ (aus dem „Vorläufigen
Forderungskatalog der Inhaltsgruppe“, Berlin). Die laufenden Ereignisse
werden, wie schon vor dem Kongress, von der Tageszeitung „Besetzt“, der
„Videozeitung“ und von zwei selbstgebastelten Piratensendern ausgewertet
und kommentiert.

Dem Bundesminister Möllemann ist indes bewußt geworden, daß er mit
seinem 2-Milliarden-Programm in Berlin niemanden mehr beeindrucken
kann: Denn daß damit weder die materielle Notlage, noch die undemo-
kratischen Strukturen der Unis behoben werden, ist zu diesem Zeitpunkt
jeder/m Berliner Studierenden bewußt. Seinen Vortrag über Hochschulnot-
stand sagt er deshalb dort ab und lädt sich stattdessen für den 12. 1.1989
nach München an die LMU ein, die von den StudentInnenprotesten ver-
schont zu sein scheint. Vor dem Auftritt des Ministers tagen mehr als 5000
StudentInnen im Audi-Max bei der StudentInnenvollversammlung. Dort
wird mit großer Mehrheit beschlossen, die LMU in „Geschwister-Scholl-
Universität“ (GSU) umzubenennen und den Fachbereichen zu empfehlen,
den Streik zu beschließen (wobei mit großer Bedachtsamkeit darauf geachtet
wird, sich formaljuristisch richtig zu verhalten und nicht gleich den Streik zu
beschließen!) und erst einmal den Rhetoriker aus Bonn nicht ans Mikro zu
lassen, sondern StudentInnen, die über uniweite und fachbezogene
Mißstände berichten sollten. Zwanzig Minuten erleidet der Herr Minister
diese „Demütigung“. Doch seine obrigkeitliche Eitelkeit ist zu sehr ge-
kränkt. Mit Hilfe seiner Leibwächter erkämpft er sich gewaltsam den Weg
zum Rednerpult in dem total überfüllten Saal gerade dann, als dort ein Ver-
treter der PhilosophiestudentInnen bemängelt, daß die Philosophie, wie die
Geisteswissenschaften insgesamt, wegrationalisiert werden sollen, obwohl
gerade heute ein Durchdenken von Alternativen nötig ist. Aber der Reprä-
sentant hat sein Verhältnis zur Demokratie und Philosophie mehr als deut-
lich dadurch zum Ausdruck gebracht, daß er trotz des Beschlusses der Stu-
dentInnen, ihn nicht sprechen zu lassen, trotzdem das Wort ergreifen will.
Am 17.1.1989, nachdem bereits die meisten Fachbereiche der GSU streiken,
beschließt auch die Vollversammlung der PhilosophInnen den Streik. Auf
den Grund des Streikes können sich die PhilosophiestudentInnen jedoch
nicht einigen. Da ein materieller Notstand am Fachbereich selbst nicht un-
mittelbar spürbar ist (z.B. an Büchern usf.), und vielen die undemokratische
Struktur des Fachbereiches, die Benachteiligung von Frauen sowie die
menschlichen und pädagogischen Defizite noch nicht aufgegangen ist, ist
nur eine Solidaritätserklärung mit anderen Fachbereichen und Universitäten
konsensfähig.

Am nächsten Tag, nach einer der größten StudentInnendemos der Stadt-
geschichte wird durch die Besetzung eines Seminarraumes das Philo-Streik-
Caf‚ installiert. In ihm scheint es möglich, ähnlich wie in Berlin eine von den
StudentInnen selbstbestimmte Diskussion zu führen, ohne sich auf die
fruchtlose Auseinandersetzung mit dem am Institut gepflegten Konservati-
vismus oder dem Dogmatismus der „Marxistischen Gruppe“ einlassen zu
müssen. Im Streikcaf‚ finden – ebenso wie dort, wo es gelingt, ein Seminar
umzufunktionieren – zum Teil spontane und autonome Seminare zu den
Themen „Quotenregelung“, „fachbezogene Forderungen“, „Was heißt
Bildung heute?“, „Glücksvorstellungen“, „Poststrukturalismus“, „Was Phi-
losophinnen denken“, „Grundsatzfrage: Feministische Philosophie“, „Sart-
re“, „Descartes“, und „Die Rolle der Philosophie in der Gesellschaft“ statt.
Leider bleibt es auch dort allzuoft beim Wunsch nach selbstbestimmter
studentischer Diskussion. Wie könnte es am Münchner Philosophischen
Institut auch anders sein?
Denn das darf ja auch nicht sein: „Originell“, meint Prof. Spaemann, „sind
wir ohne dies nur in Bezug auf das Falsche. Die Wahrheit liegt allein bei
Gott.“ (zit. nach: R. Löw, Leben aus dem Labor, München 1985, S.ÿ223).
Und doch scheint ein wenig von dessen Wahrheit auch auf unser Münchner
Seminar übergeflossen zu sein. Hat es doch sein Stellvertreter auf Erden für
gut befunden, daß der Konkordatslehrstuhl mit Prof. Spaemann besetzt
wurde. Und gesellte sich nicht erst jüngst Prof. Maier, langjähriger Präsident
des ZK der Katholiken, auf dem ehemaligen Lehrstuhl R. Guardinis (früher:
Lehrstuhl für christliche Weltanschauung und Religionsphilosophie, jetzt:
Lehrstuhl für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie) ihm
zur Seite? So besteht denn die begründete Hoffnung, daß uns von diesen
Lehrstühlen herab nicht bloß originell Falsches, sondern auch einige
„Wahrheit“ erreicht.
Und so war es denn auch: Prof. Spaemann gelingt es, das Philo-Streik-Caf‚
für sich zu vereinnahmen. Die von ihm vorbildlich zelebrierte „Diskussion“
während seiner Sprechstunde droht das im Streik gewachsene studentische
Selbstbewußtsein wieder im Keim zu ersticken. Gerade weil er die politi-
schen Diskussionen für so berechtigt halte, könnten, ja sollten die Studenten
„ein bis zwei Stunden am Wochenende“ dafür aufbringen. Leider jedoch
hält er von einer paritätischen Besetzung der Hochschulgremien schlecht-
weg nichts; was ihn aber nicht am Glauben hindert, daß die studentischen
und professoralen Interessen zu 80% übereinstimmen. War dieser Glaube
der Grund dafür, daß er, sich über den Streikbeschluß der StudentInnen-
vollversammlung der Philosophie einfach hinwegsetzend, verkündet, daß am
nächsten Tag seine Vorlesung wie gewohnt stattfinden werde, wobei er sich
- selbstverständlich und gerne – eine halbe Stunde für weitere Fragen an ihn
zur Verfügung stelle?

Doch keiner stellt „weitere Fragen“ an ihn. StudentInnen, die am Vortag
noch versicherten, sie würden Spaemanns bahnbrechendes Angebot an-
nehmen, hören sich zwar brav seine Vorlesung an, bringen aber zu gegebe-
ner Zeit ihren Mund nicht mehr auf und warten auf „irgendwelche Studen-
tenvertreter“, die ihre Interessen gefälligst vertreten sollen. Daß die eigenen
Interessen am besten durch einen selbst vertreten werden, haben diese Stu-
dentInnen immer noch nicht verstanden. Nachdem kurze Zeit verstreicht
und keiner den Gnadenerweis Spaemanns annimmt, macht der Herr Profes-
sor auf dem Absatz kehrt. Groß ist da die Sorge unter einigen StudentInnen
um ihren „Herrn Professor“. In einem offenen Brief schimpfen sie auf ihre
KommilitonInnen, die den Professor „versetzt“ hätten und fordern sie
zynischerweise dazu auf, doch die gegebenen Freiräume zu nutzen.
Erstaunlich genug ist es, daß trotz der störenden Einflüsse am 20.1. im
Mittagsplenum des Philo-Streik-Cafés eine Diskussion zum Thema „Fach-
bereichsbezogene Forderungen“ stattfindet. (Das, was in Berlin aus monate-
langer Diskussion hervorgegangen ist, muß hier in drei Tagen geschehen.
Die Streikinhalte werden sogleich auf den Forderungskatalog verengt, der
Denkprozeß über eine Verbesserung des Studiums wird wegen der Sehn-
sucht nach schnellen Ergebnissen schon am Anfang unterbrochen.) Am
Vortag hatten noch Hilfswissenschaftler des Institutes die Diskussion be-
stimmt. In ihren Forderungen tauchten aber nur solche auf, die mit der
Verbesserung der Situation des normalen Studenten herzlich wenig zu tun
haben. So z.B. der Professorentitel für einen Privatdozenten des Instituts
oder die generell bessere Bezahlung der Privatdozenten. Besonders pikant
wird der Forderungskatalog dadurch, daß sich nur wenige Privatdozenten
mit den StudentInnen solidarisch erklärten, und keiner die Streikaktionen
unterstützte. Die Vollversammlung der PhilosophiestudentInnen zeigt je-
doch, daß diese Art der studentischen „Solidarität“ doch noch nicht mehr-
heitsfähig ist. Anstelle dessen wird am nächsten Tag von einer großen
Mehrheit folgender Forderungskatalog beschlossen:

1. Die Bereitstellung eines Raumes für Arbeitskreise, Fachschaftsinitiative
und als Info- und Kommunikationszentrum für alle Studierenden der Philo-
sophie.
2. Aufhebung der Regelstudienzeit und der Zwischenprüfung.
Berichte
3. Schaffung eines Gremiums aus stimmberechtigten Studierenden und
Lehrkräften für die Bestimmung der Studieninhalte und zur besseren Koor-
dination der Lehrveranstaltungen.
4. Das Recht zur Mitsprache und Mitbestimmung bei der Berufung des
Lehrpersonals im entsprechenden Gremium.
5. Die gleichwertige Berücksichtigung von Frauen in Lehre und Forschung,
im Studium (Magister, Promotion, Habilitation, Stipendium, Bücher etc.),
bei der Besetzung von Lehrpersonal und Hilfskräften, bei der Bestimmung
von Lehrinhalten.
6. Einrichtung bezahlter, proseminarbegleitender Tutorien.
7. Verbesserung der Betreuung von Studienanfängern (Propädeutika, Biblio-
thekenrundgang, Überblicksvorlesungen etc.).
8. Anerkennung anderer Sprachkenntnisse gleichwertig zum Latinum.
9. Aufwertung des Magistertitels und Reduzierung der Anforderungen bei
der Magisterprüfung auf ein der Studiendauer angemessenes Maß, so daß in
einer finanzierbaren Zeit abgeschlossen und gegebenenfalls auch promoviert
werden kann.

Dieser Forderungskatalog sollte öffentlich gemacht werden, von allen Philo-
sophiestudentInnen unterschrieben werden und anschließend einer sechs-
köpfigen Runde älterer Herren (Prof. Dr. Beierwaltes, Prof. Dr. Henrich,
Prof. Dr. Dr. Puntel, Prof. Dr. Zahn, Prof. Dr. Spaemann und Prof. Dr.
Maier), welche sich in der „Leitungssitzung“ unter Ausschluß der Studen-
tInnen trifft, vorgelegt werden. Daß dies nicht geschieht, ist sicher nicht nur
der den Münchner PhilosophiestudentInnen eigenen Lethargie zuzuschrei-
ben. Diejenigen, die den Forderungskatalog abtippen, um ihn zu vervielfälti-
gen, machen den Fehler, die in der Vollversammlung beschlossene Formu-
lierung abzuändern, was für viele Grund genug ist, die Unterschriftenaktion
zu boykottieren.

Auf der Vollversammlung am 24.ÿ1. stimmt keiner mehr für die Fort-
führung des Streiks, obwohl tags zuvor noch eine einfache Mehrheit dafür
war. Der Grund dafür liegt primär darin, daß einigen klar wird, daß in einem
Streik auch offizielle Veranstaltungen umfunktioniert und zum Platzen
gebracht werden müssen, um den für autonome Veranstaltungen nötigen
Berichte
Freiraum zu schaffen. Immerhin beschloß die Vollversammlung die Beset-
zung des Philo-Streik-Caf‚s solange aufrecht zu erhalten, bis den StudentIn-
nen ein geeigneter Raum im Sinne des Forderungskatalogs zur Verfügung
gestellt wird. Nach Gesprächen mit einigen der Professoren und einem
Briefwechsel mit Prof. Spaemann, Prof. Henrich und Prof. Beierwaltes
macht die eigens einberufene „Leitungssitzung“ am 27.ÿ1. den StudentInnen
ein überwältigendes Angebot:
- Bereitstellung der Seminarräume für Arbeitskreise, sofern diese nicht be-
legt sind. (Status quo ante)
- Ernennung eines oder zweier Assistenten zu Kontaktleuten.
- Mitbenutzung eines kleinen Kellerraumes an zwei Vormittagen und eines
anderen Kellerraumes an zwei Nachmittagen. Prof. Henrich erklärt sich
sogar bereit, für beide Räume die gleiche fabrikneue Couchgarnitur zu kau-
fen. Auf eine atmosphärische Gestaltung sollen die StudentInnen jedoch
verzichten.
Im Gegenzug fordern die Professoren die sofortige Räumung des Philo-
Streik-Cafés. Eine Zusammenarbeit mit den StudentInnen, z.B. eine ge-
meinsame Petition an den Bayerischen Landtag für bezahlte Tutorien lehnen
sie ab. Wie die Schafe gehen die StudentInnen auf dieses „Angebot“ ein. Bei
der Vollversammlung am 2.2. wird eine Gruppe gegründet, die für die bei-
den Kellerräume verantwortlich ist und die Koordination der Arbeitskreise
für das nächsten Semester übernimmt. Welchen Zweck eine solche Gruppe
angesichts dessen hat, daß die dezentrale Organisation der Arbeitskreise
auch bisher schon gut funktionierte, bleibt dahingestellt. Der Elan der
Streikbewegung aber hat sich endgültig erschöpft.
Viele waren noch nie so häufig an der Uni wie an den Tagen, an denen das
Philo-Streik-Café noch existierte. Spontane Arbeitskreise, Diskussionen an
den kleinen Tischen mit etwas zu essen und zu trinken haben den Studen-
tInnen neue Dimensionen des Studiums eröffnet. Doch diese Qualität ist
nur von kurzer Dauer gewesen. Das Philo-Streik-Café kann nicht durch
zwei kleine Kellerräume ersetzt werden, die nur je an zwei Vormittagen bzw.
Nachmittagen zugänglich sind und zu denen die StudentInnen nicht einmal
den Schlüssel haben. Wahrscheinlich ist eher die Prognose von Prof. Hen-
rich zutreffend, daß die StudentInnen den ihnen zur Verfügung gestellten
Raum nicht nutzen werden – wie sollten sie auch unter diesen Bedingungen.
Somit wird aber zugleich jegliche Argumentationsgrundlage für die Forde-
rung nach einem Raum vernichtet.
Neben einer Hand voll Forderungen bleibt das wöchentliche Treffen von
immer weniger werdenden StudentInnen im ehemaligen Philo-Streik-Café.
Die Fachschaftinitiative, die den Streik initiiert hat, macht weiter und setzt
ihre Akzente nun mehr auf autonome politische Arbeit am Fachbereich. Ein
Bündnis von StudentInnen aller Schattierungen (von den Hilfswissenschaft-
lerInnen bis zur Fachschaftsinitiative) will es bei den nächsten Wahlen als
„Breite Liste“ mit der „Marxistischen Gruppe“ aufnehmen. Denn wer die
gewählte Fachschaft stellt, dem steht auch – vielleicht – ein Raum zur Verfü-
gung.

Es hat sich einmal mehr gezeigt, daß in dem stickig klerikal-konservativen
Millionendorf München Selbstbestimmung und Freiheit nicht ertragen wer-
den kann. Die autonome Organisation eines StudentInnen-Treffpunkts oder
alternative Seminarangebote sind dort unmöglich. Im spießigen Klein-Klein
wurde die Streikbewegung zu dem, was sie hier sein soll: Ein illusionäres
Strohfeuer und ein vergeblicher Ausbruchsversuch, bestenfalls ein Ventil für
jeglichen Widerspruch.

Postscriptum:

Berlin, 14.2.1989: Bei Anwesenheit vieler StudentInnen beschließt die Di-
rektoriumssitzung (ein der Leitungssitzung am Philosophischen Institut in
München entsprechendes Gremium) des Fachbereiches für Philosophie der
befreiten Universität einen studentischen Vorschlag:
Ab Sommersemester 1989 wird ein der Direktoriumssitzung übergeordnetes
Gremium eingerichtet, das aus vier StudentInnen, zwei ProfessorInnen,
zwei DozentInnen. zwei SekretärInnen und einer Frauenbeauftragten beste-
hen soll. Außer den Sekretärinnen, die bei Fragen, die die Forschung und
Lehre betreffen und bei Berufungen wegen mangelnder Sachkenntnis auf ihr
Stimmrecht verzichten, haben alle volles Stimmrecht. Noch eine Woche
zuvor fand der Vorschlag eines Assistenten, dieses Gremium viertel-
paritätisch zu besetzen (Zwei StudentInnen, zwei ProfessorInnen, zwei
DozentInnen und zwei Sekretärinnen) in der Direktoriumssitzung keine
Mehrheit. Das Institut war hierauf nach zweieinhalb Monaten Streik auch
besetzt worden.

Daniel Schreiber

Original unter: www.widerspruch.com/artikel/1617-12-01.pdf