Streiken ist die beste Medizin

Da soll doch nochmal einer sagen, Streiken bringt nichts: In Berlin haben die Studierenden 1988 in einem der verstocktesten Fächer überhaupt eine komplette Studienreform erkämpft:

Während in vielen Bereichen der Universität die Verbesserungsbemühungen nach Beendigung des Streiks nur zu kleinen Modifikationen des Routinebetriebs führten, blieb eine Gruppe von Studierenden der Medizin in Form einer „Inhalts-AG“ und später eines Projekttutoriums zur Reform des Medizinstudiums mit dem Ziel aktiv, eine wirklich neue Studienform in der Medizin zu etablieren.

Das Ergebnis ist der Reformstudiengang Medizin, heute angesiedelt an der Charité Universitätsmedizin Berlin:

Die Intention der Studierenden, die zur Entwicklung des neuen Curriculums führte, basierte im Wesentlichen auf zwei Kritikpunkten am herkömmlichen Studium: Zunächst einmal waren die Studierenden mit den allgemeinen Studienbedingungen unzufrieden. Der Wissensstoff wurde, überwiegend in – zumindest zu Beginn des Semesters bzw. Studiums – überfüllten Veranstaltungen in Vorlesungsform angeboten, der die Studierenden in eine passive Rolle bringt. Nicht nur Fächer wie Anatomie, Physiologie und Biochemie wurden weitgehend isoliert voneinander dargestellt, auch den klinischen Disziplinen fehlte der gemeinsame Bezug. Die Studierenden forderten eine grundlegende Revision der Lehr- und Lernbedingungen und eine stärkere Beteiligung an der Gestaltung des Unterrichts. Sie wollten mehr Verantwortung für den eigenen Lernprozess und für die Gestaltung des Studienablaufs übernehmen, drangen aber auch auf eine inhaltliche Revision. Ihre Forderungen nach einer neuen Gewichtung der Lehrinhalte beschränkten sich nicht nur darauf, den Unterricht praxisbezogener zu gestalten und die Inhalte durch sinnvolle Verknüpfung theoretischer und klinischer Aspekte anschaulicher zu machen. Es wurde auch kritisch hinterfragt, ob das überwiegend naturwissenschaftlich orientierte Menschenmodell, wie es in der Hochschulmedizin traditionell vorherrscht, ausreichend ist, die Vielzahl körperlicher und psychischer Störungen und ihre gegenseitige Beeinflussung verstehen und adäquat behandeln zu können. Eine weitere Forderung war daher, naturwissenschaftliche Aspekte nicht isoliert, sondern im Zusammenhang mit den psychischen Bezügen und ihrer sozialen Bedeutung patientenorientiert zu vermitteln und wissenschaftliche Grundlagen einer „ganzheitlichen“ Heilkunde zum Studieninhalt zu machen.

Quelle: http://www.reformstudiengang-medizin.de/Wir_ueber_uns/Geschichte.html