Vom selbstbestimmten Lernen in den 80er Jahren

Nachstehender Erlebnisbericht von Arthur Kritzler ist entnommen aus der Broschüre „FU60: Gegendarstellungen“ des AStA FU Berlin. Die komplette Broschüre ist unter www.astafu.de online abrufbar.

Arthur Kritzler:
-Studenbeginn 1983 in in einer mittelhessischen Kleinstadt
-1985 Wechsel an die FU Berlin
-Seit 1997 als Anwalt tätig

Schule
Abi 1983, eine Kleinstadt in NRW im Speckgürtel einer selbsternannten Weltstadt, Reihenhaussiedlung der 60er Jahre, ursprünglich Sozialprojekt der katholischen Kirche für kinderreiche Familien, einziger Gymnasiast in der Siedlung.
Wir Gymnasiasten sind die ideellen Gesamtgrünen, basisdemokratisch, gewaltfrei und ökologisch, alles mehr oder weniger und obwohl es diese Partei in der Kleinstadt noch gar nicht gibt. Wir latschen mit beim Ostermarsch Rheinland und träumen von Westberlin, dessen wildes Leben wir nur aus der Hetze der Rheinischen Post kennen. Unsere erste selbstorganisierte Demo richtet sich aus einem kleinstädtischen Anlass gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus; wir gehen in der ersten grossen Pause los und ¾ der Oberstufenschüler kommen mit.
Noch bevor wir zum ersten Mal wählen dürfen, hat sich die sogenannte Witzfigur „Birne“ an die Macht geschummelt und ist Dauerkanzler für die nächsten Jahrzehnte geworden. Von der „geistig-moralischen Wende“ reden nur die Streber von der Jungen Union und fiese Gestalten im Fernsehen, Jugendhasser, analfixierte deutsche Zwangscharaktere. Leserbriefe: das dreckige Gesindel, das samstagmittags zwischen Tschibo und Stadtsparkasse abhängt, den Schandfleck der Stadt, ausradieren. Das sind wir. Wir sind der Meinung, dass die Ökonomie schrumpfen müsse, der Reichtum global und lokal zu teilen ist und träumen vom einfachen, zwangfreien Leben. Wir haben keine Berufsvorstellung, wollen nicht Ausbildung, sondern Bildung, selbstbestimmt und selbstverwaltet. Frei sein und möglichst wenig arbeiten.
Wir sind die erste (und einzige) Generation in der BRD, die die DDR für einen ganz normalen Staat hält, autoritärer und sozialer als die BRD.
Wir sind diejenigen, die den Konsens der Gleichaltrigen formulieren lernen, mühsam und mehr oder weniger mutig. Aber Kanzler Kohl heisst schon: Paradigmenwechsel, wir sind die Letzten einer Alterskohorte.
Wir sind der absolute Peak der Babyboomer und immer zu viele. Wir waren die, die zu 40st in der Klasse sassen, alle Lehrer doof. Als Generation hat es uns gar nicht gegeben.
In der 12. Klasse wird einmalig und ohne vorherige Ankündigung etwas ausprobiert, was über den Sozialdemokratismus des vermeintlich vorherrschenden Erziehungszieles der kritischen Distanz hinausgeht: eine Woche lang nur Unterricht im ersten Leistungskursfach. Projektwoche heisst das. Selbst und gemeinsam ein Erkenntnisziel formulieren, Fragestellungen selber fragen, neu formulieren, suchen, finden, umformulieren. In meinem Physik-Leistungskurs geht das so: ihr habt jetzt Projektwoche, ich hab Urlaub. Dann kriegen wir so ziemlich alle Apparate aus dem Materialienraum auf die Tische gestellt, letzte Ansage: überlegt Euch mal, was man damit machen könnte. Selbstverständlich sind die Ideen zahlreich. Am Ende der Woche haben wir keinen Sachschaden angerichtet, sondern präsentieren Messreihen, die Nerds unseres Kurses haben uns die Spur gesetzt. Es ist das einzige Mal, dass wir unsere Schule in der Schülerzeitung für etwas loben.

Erstsemester
Dann bin ich plötzlich schon Student und verbringe die nächsten 26 Semester meiner überdurchschnittlich verlängerten Adoleszenzphase mit dem Ausfeilen und Ausprobieren der bereits erworbenen politisch-moralischen Prädispositionen. Die ersten drei Semester in einer mittelhessischen Kleinstadt: die rote Stadt. Studentenkleinstadt mit pittoresker Altstadt. Immer noch 1983. Einmal im Jahr saufen die Burschenschafter auf dem Marktplatz und werden fertig gemacht. Vor der Mensa verteilen Leute von zehn verschiedenen linken Gruppen jeden Tag zehn neue Flugblätter. Alle sind irgendwie grün, bunt, alternativ, sozialistisch oder libertär. Ich komme mir ganz klein und provinziell vor. Ich habe grosse Orientierungsschwierigkeiten. Mangels interessantem Plattenladen trage ich das Geld meiner Eltern in das örtliche Buchladenkollektiv. Schon nach ein paar Wochen besitze ich mehr Bücher als meine Eltern. Keine Vorlesung beginnt vor 11.00 Uhr morgens! Die Vorlesungen passieren im bis auf den letzten Platz gefüllten Audimax, nach ein paar Wochen im halbleeren Audimax. An anderen Unis werden die Erstsemestervorlesungen per Lautsprecher in mehrere Hörsäle übertragen. Begrüssungsfeier: undenkbar. Abschlussfeier: undenkbar. Sponsorenschilder: es gibt keine Sponsoren. Man hat in der Schlange im Imma-Büro gestanden, das wars.
Von der Uni gibt es keine, schlicht: überhaupt keine Informationen, wie das Studium so läuft, was man da so machen muss, wie denn „wissenschaftliches“ Arbeiten so gehen soll und mit welchem Ziel. Bei der Fachschafts-Basisgruppe gibt’s ein Erstsemesterinfo, ein kommentiertes Vorlesungsverzeichnis und die Studienordnung; dort lern ich meine neuen Freunde kennen, hier ist Platz für Fragen. In den drei Semestern mache ich alle Jura-Scheine bis auf zwei. Es gibt keine Zwischenprüfung. In Jura macht man drei kleine und drei grosse Scheine und danach Examen. Wann man will. Die Noten von den Scheinen zählen nicht fürs Examen. Man soll lernen, im Gutachtenstil zu subsummieren. Nach dem Examen arbeitet man praktisch (Referendariat) und wird dafür gut bezahlt. Man muss dann alles vergessen, was man bis dahin gelernt hat, weil es in der Rechtsanwendung nicht um Gutachtenstil geht, sondern um die Prozessordnung. Es ist eine Ausbildung für das „Richteramt“. Vielleicht drei Prozent aller Jurastudenten werden Richter. Ich lehne eine derart anmassende Position grundsätzlich ab und denke viele Jahre nicht mehr ans „Examen“. An ein danach schon gar nicht. Wie man eine Hausarbeit schreibt, lerne ich mit anderen von der Basisgruppe, indem wirs einfach machen. Zweimal in der Woche gehe ich zu politischen Treffen, zweimal zum Hochschulsport. Mehrere Semester Marx-Kurs bei den „linken“ Politologen. Büchner-Seminar bei den „linken“ Germanisten. Überall und dauernd nur Studis. Einmal fahren wir aufs Dorf: Demo gegen ein Treffen von Ehemaligen der Waffen-SS: 5000 Studis kreisen eine Turnhalle ein, in der sich 50 Nazi-Opas und die obligatorischen drei jugendlichen Nazi-Soziopathen treffen. Soviel zur Illustration der damaligen Kräfte-Verhältnisse im realen Alltag. Wenn man liest, dass auch schon in der alten BRD 13% der Bevölkerung ein geschlossen autoritäres, antisemitisches und xenophobes Weltbild hatten (Sinus-Studie), meint das CDU-Wähler, die Dir hinterherzischeln und Leserbriefe schreiben. Komplementär aber auch das: seit ich denken kann, lebt die politische Klasse von der Behautpung, es gäbe zu viel Bildung und zu viele Ausländer.
Der CDU gelingt es ab den frühen 80er Jahren, die schlichte Gegenreform und Mängelverwaltung der SPD im Bildungsbereich mit dem alten Elitegedanken zu toppen. Und kaum startet der Innenminister der CDU die Kampagne vom vollen Boot, passieren erste, kaum beachtete Brandanschläge auf Ausländerwohnheime und die SPD will nun auch das Ausländergesetz reformieren.
Wieder an der Uni. Ein Prof als Tutor? Überhaupt ein Tutor? Undenkbar. In 26 Semestern erlebe ich ausser im mündlichen Staatsexamen kein einziges Gespräch mit einem Prof..
Ein einziger der Professoren vom Jura-Fachbereich ist auch als Richter tätig. Alle anderen sind an der Uni hängen geblieben, haben nie gearbeitet, sind schlimmstenfalls schülerhafte ältliche Herren, die im Geist noch immer vor ihrem ebenso verkorksten Doktorvater stehen. Dieser stellt sich in der Regel schnell als nur ein weiterer alter Nazi heraus – man braucht dazu nur mal in der Bibliothek nachzuschlagen, was der liebe Doktorvater noch so veröffentlicht hat ausser dem wegweisenden Lehrbuch, das in neuester Auflage und Bearbeitung auch das uns empfohlene Standard-Lehrbuch ist. Allein in diesen ehrenwerten Personen ruht die unbenannte corporate identity der Universität. Es gibt nicht eine Professorin am Fachbereich.
Der Spiegel veröffentlicht ein erstes Ranking der Universitäten und der wichtigsten Fakultäten. Meine Uni ist ganz unten. Darunter nur noch Bremen und die FU Berlin.

Westberlin
Februar 1985, minus 20 Grad. Mein Umzug nach Westberlin – Sprung in die Zeit. Richtige Punker! Döner Kebab! Kneipen rund um die Uhr geöffnet und an jeder Ecke eine! Zum Kudamm gehen wir nur zum Demonstrieren. Zur FU eine Dreiviertelstunde mit der U-Bahn. Die Hausbesetzerbewegung ist gespalten und ruhiggestellt. Die Alternative Liste schon etabliert, Akademiker in Akademikerjobs und Profipolitiker mit der hidden agenda ihrer Klasse. Billige Substandardwohnungen gibts trotz Wohnungsnot. Berlin ist so cool, dass man sich an der Uni nicht anspricht, weil das ja ein uncooler Ort ist und in der Stadt gerne verschweigt, dass man eigentlich Studi ist – wie die meisten Leute, die man so kennenlernt. Keiner kommt aus Westberlin. An der FU studieren 60.000 Leute. Zu Vollversammlungen erscheinen 200. Auf den Mensatischen liegen damals schon kommerzielle Werbeflyer statt Flugblättern. Aber die Wände der Rost- und Silberlaube sind noch voll mit politschen Sachen. Im AStA sind übriggebliebene Gremienpolitiker und andere vom „Ende der Linken“ und „Ende der Geschichte“ überzeugte Alternative versammelt, die wenig später mit den rechten Profs koalieren und ins Präsidialamt rotieren. Eine rechte Riege aus der Professorenschaft mit dem seltsam programmatischen Namenskürzel NoFU (=Notgemeinschaft für eine Freie Universität) erstellt schwarze Listen von Linken und „Verfassungsfeinden“ – nichts Genaues weiss man nicht, weil es sich um einen Geheimbund handelt. Unternehmen und Lobbyistenverbände dürfen erste Drittmittelinstitute errichten. Der Jura-Fachbereich wie gehabt. Aber eine grössere Bibliothek, eine Professorin, drei „linke“ Profs. Die Profs fraktionieren sich anhand der Frage, wer die meisten Sachmittel zugewiesen bekommt. Eine ganz eigene Szene von Söhnen und Töchtern aus höherem Hause fährt in teuren Cabrios zur Uni vor. Der studentische Nachwuchs der CDU verteidigt die Notwendigkeit der Apartheid in Südafrika. Irrelevante Subkulturen in einer noch als links geltenden Uni.
Ich schreibe mich für Soziologie ein, Doppelstudium. Die Studienordnung sieht einen Schein im Grundstudium, einen im Hauptstudium und dann die Diplomarbeit vor, Gruppenarbeiten möglich. Eine Zwischenprüfung gibt es auch hier nicht. Die ohne Ausnahme „linken“ Dozenten darf man duzen. Man kommt nur nicht dazu, weil in einem Seminarraum mit 20 Stühlen 100 Leute sitzen. Ich bleibe 23 Semester eingeschrieben ohne das Grundstudium abzuschliessen. Es gibt noch keine Zwangsexmatrikulation wegen zu langem Studieren, nicht einmal eine Zwangsberatung. Die einzige Grenze wurde durch das Hochschulrahmengesetz 1977 gesetzt, indem BaföG-Leistungen an die „Regelstudienzeit“ gekoppelt wurden. Studentische Jobs gibts problemlos und mit Berlinzulage.
Wie alle anderen westdeutschen Unis auch funktioniert die FU Mitte der 80er nach der Prämisse, dass die Studierenden sich um sich selbst zu kümmern haben. Die Profs verfügen über die Produktionsmittel. Von der demokratischen Selbstverwaltung dieser Mittel sind die Studierenden strukturell ausgeschlossen. Dementsprechend sind die Wahlbeteiligungen in der Gruppe der Profs hoch, bei den Studierenden niedrig.
In den Zeitungen können wir jahrelang lesen, dass wir mit Ausnahme der Naturwissenschaftler zukünftig sowieso alle arbeitslose Akademiker sein werden. 1986 nehme ich am AnwältInnentag des („linken“) Republikanischen AnwältInnenvereins teil, Thema: Anwaltsschwemme. Auch dort wird zum Teildie Ideologie vertreten, dass man zur Qualitäts- und Einkommenswahrung die Schwemme begrenzen müsse. Ein ehemaliges Mitglied des Berliner „Sozialistischen Anwaltskollektivs“ und späterer sozialdemokratischer Verfassungsrichter rät uns stattdessen, später im Bauwagen über die Wochenmärkte zu ziehen. In Jura mache ich 1985 meinen vorletzten Schein, 1993 den letzten.
Antiquariate werden die wichtigere Bildungsstätte meiner studentischen Selbstreflexion.
Freie Schulgemeinde Wickersdorf, assoziiert Walter Benjamin und Karl Korsch. Freie Rätehochschule 1918/19. Arbeiterhochschule der antileninistischen KAPD 1920. Kritische Universität der 68er. Besetzung des germanistischen Instituts der FU Berlin 1968. Aus der Krabbelkiste „Das Notwendige Seminar“, Bremen 1980: selbstgegründet, selbstverwaltet, gemeinsam. Afrika teilnehmend erforschen, Reisebus schrauben, ein Semester unterwegs sein, Auswertung. „Das Elend im Studentenmilieu“ (SI, 1966). Fast zeitgenössisch: Karl Heinz Roth, der Untergang der Intelligenz / Die Geschäftsführer der Alternativbewegung.

Das erste Autonome Seminar seit?
Als der Wissenschaftssenator Turner 1985/1986 mit dem Vorschlag vergleichsweise schüchternen Reform des Berliner Hochschulgesetzes reüssiert, bewegt sich was. 20.000 Studierende demonstrieren gegen Elitebildung. Verwertungsnäher und schneller für viele, „wissenschaftlich“ für wenige – das wollen wir nicht.
Aber was wollen wir dann?
Nachdem wir anlässlich der Brokdorf-Demonstration erleben durften, wie es sich anfühlt, das Versammlungsgrundrecht als Objekt polizeilicher Bürgerkriegsmanöver ausüben zu dürfen, gründen wir das „Autonome Bullenseminar“. Wir wollen uns mit Repression beschäftigen. Worum es im Einzelnen gehen soll, klären wir gemeinsam im Seminar. Hochschulzugangsberechtigungen lehnen wir ab, also plakatieren wir hauptsächlich ausserhalb der Uni, in den einschlägigen Kneipen und Zentren. Auf die Idee, dass es nötig sein könnte, die Nutzung eines Seminarraums anzumelden, kommen wir erst gar nicht. Zwar studiert niemand aus der kleinen Vorbereitungsgruppe am Otto-Suhr-Institut, aber es ist selbstverständlich, dass wir als Ort der Veranstaltung den grössten Seminarraum an diesem linkesten aller linken Institute ankündigen. Es ist unsere Uni.
Tatsächlich kommen 60 Leute und bleiben. Im Nachhinein so etwas wie eine kleine politische Generation, die durch die Erfahrung gemeinsamer prägender Ereignisse verbunden ist. Das Seminarplenum wird ein arges Gestammle. Wir bilden Arbeitsgruppen, in denen wir unsere Erkenntnisinteressen formulieren und ins Plenum zurücktragen. Nach ein paar Wochen steht tatsächlich so etwas wie ein Seminarplan und die Arbeitsgruppen halten Referate.
Die Arbeitsgruppe läuft. Wir lernen uns kennen und unsere Uni ist plötzlich eine spannende Sache. Bisweilen tagen wir ganze Nächte durch. Wir gehen weit über das Erkenntnisinteresse unseres Seminars hinaus und besprechen, was man als soziale Selbstreflexion bezeichnen kann. Unser Lernprozess wird praktisch, alles mögliche von der Abschaffung der Universität bis zum Aufgeben des Studiums ist denkbar. Erst mal aber wollen wir ein von Studierenden demokratisch selbstverwaltetes Studium, also eine Aneignung unserer Uni für emanzipatorische, antiautoritäre Zwecke. Zum Ende des Seminars besetzen wir für ein paar Tage das OSI, d.h. wir bleiben für ein paar Tage und suchen das Weite.
Von der Uni-Verwaltung bleiben wir unbeachtet. Lediglich der Hausmeister des OSI kommt Woche für Woche vorbei und fragt, wer denn der Verantwortliche/Prof dieses Seminars sei, das gar nicht im Plan eingetragen sei. Nach einigen Wochen spontaner Ausflüchte übernimmt Johannes Agnoli gegenüber dem dem Hausmeister des OSI die Verantwortung. Später soll er einigen von uns Scheine für unser selbstverständlich scheinfreies Seminar gegeben haben.
Im folgenden Semester entsteht ein Autonomes Anarchismus-Seminar, weitere Autonome Seminare und weitere kurzfristige Institutsbesetzungen folgen.
Wir gehen aus der Uni raus oder bleiben, aber sehen uns auch in den kommenden Jahren immer wieder. Beim ersten Mai 1987, bei den Protesten gegen den IWF, beim Kubat-Dreieck, beim Heckel-Eck, bei Demonstrationen gegen die „Republikaner“, bei Hausbesetzungen und beim Unimut 1988/1989.
1988 feiert die FU ihren 40. Geburtstag mit dem Slogan „Forschung spitze – Studieren dufte“. Es sind Zwischenprüfungen eingeführt worden, die Mittel gekürzt bei gleichbleibender Studentenzahl, „linke“ Institute sollen geschlossen werden und wir erleben unseren Höhepunkt als Generation. Ohne grossen Anlauf werden alle Institute besetzt. Im Dezember 1988 leben etwa 3000 Studierende in annähernd 40 Besetzungseinheiten in der FU, die sich über verschiedene Räte und Vollversammlungen koordinieren. An den Vollversammlungen in den grossen Fachbereichen beteiligen sich mehrere tausend Leute. Täglich finden bis zu 300 autonome Seminare statt. Es gibt keine Lehrveranstaltungen der FU mehr. Nur die autonomen Seminare der B*FU (befreite FU). Die Institute tragen neue Namen. Eine tägliche Streikzeitung erscheint. Es gibt ein Streikradio, ein Streik-Videofernsehen, unendlich viele Demos und Parties. Die Uni zeigt sich zum Schrecken der immer noch existierenden und mittlerweile präsidialen NoFU, die nun wieder viel aufzulisten hat, bunter denn je. Der Berliner Senat wird rot-grün und bringt uns nichts.
Aus den Forderungen nach Interdisziplinarität und Gesellschaftsbezug werden in ferner Zukunft Master und Bachelor bei halber Studentenzahl. Demokratische Selbstverwaltung wird wieder einmal nicht ernstgenommen, in ferner Zukunft mit Exzellenz verhöhnt. Eigenaktivität ist begeisterungswidrig an der Hauptstadtuni mit dem Numerus Clausus für alles.
Weihnachten 1988 fahren fast alle nach Westdeutschland zu ihren Eltern und ab Januar herrscht Erschöpfung. Zum „internationalen Unimut-Kongress“ im neuen Jahr werden schon wieder die üblichen professoralen Prominenten eingeladen. Bis März entsetzen die Strafverfolgungsorgane die Reste.
Bevor wir 1989 einen neuen Anlauf zu gesellschaftlicher Wirkungsmächtigkeit nehmen können, werden wir als Generation durch den Kollaps des anderen deutschen Staates aufgelöst. Einige Besetzungseinheiten werden Hauptstadthausbesetzer, andere Hauptstadthausbesitzer. Die Nazis sind plötzlich viele und jung. Wir sind entsetzt über die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Denken mal wieder ans Weggehen, fahren aber einstweilen nach Hoyerswerda zum demonstrieren.
Die Uni? Ach, die Uni.

Projekttutorium

Von Unimut und Uniwut bleiben unter anderem die Streikzeitung (die dann zur AStA-Zeitung wird), die Videowerkstatt, das Projekt Archiv und die Projekttutorien. Die Projekttutorien sind ein von der Uni zugestandener prekärer Arbeitsmarkt für eine begrenzte Zahl von als Leitern Autonomer Seminare in einem hochoffiziellen Bewerbungsverfahren vor der Projekttutorienkommission auftretende Studierende. Je Projekttutorium werden in der Regel zwei Tutorenstellen für zwei Semester von der Uni bezahlt. Dazu gibt es in ganz geringem Umfang die Möglichkeit, Sachmittelanträge zu stellen. Die Inhalte der PTs sind frei, bedürfen aber vorab der Ausformulierung in einem ausführlichem Konzeptantrag. Da es selbstverständlich mehr Bewerber als Stellen gibt, stehen die Tutorien in einem Konkurrenzverhältnis zueinander. Eine Verlängerung um zwei Semester ist denkbar, wenn die Projekttutorienkommission dies nach ausführlichem Zwischenbericht befürwortet.
In den folgenden Jahren wird das Projekttutorienprogramm langsam ausgetrocknet und schließlich 2002 stillgelegt.
Mit unserem Projekttutorium wollten wir studentische Identität empirisch untersuchen. Das Konzeptpapier bekam die erwartete Top-Prioritätsbewertung von der Projekttutorienkommission, obwohl wir ja schon in unserem Antrag begründet hatten, warum es so etwas wie eine studentische Identität nicht geben kann. Unser Zwischenbericht zwei Semster später war so herausragend, dass wir im Akademischen Senat als besonders herausragendes Projekttutorium vorgestellt wurden. Ausserdem erhielten wir von der Kommission die Verlängerung. Was hatten wir gelacht, auch schon beim Schreiben des Zwischenberichts. Einstweilen war das Projekttutorienprogramm aber doch eine gute Sache gewesen.
Aus dem Projekttutorium wurde das Projekt Archiv / Institut für Sonologie. Das gibt es als Archiv noch heute, im übrigen darf es nicht mehr Institut heissen. Die ersten Jahre verbrachten wir in dem Projektflügel eines grösseren besetzt gewesenen, zu der Zeit schon mit Mietverträgen versehenen Haus-Komplexes in Mitte. Das Institut dachten wir uns als eine Art öffentliches Bibliotheks-Wohnzimmer, offen für alle Gruppen und Personen, die freie Diskurse suchen. Einige Jahre lang trafen sich hier tatsächlich einige kleinere Gruppen. Militarismus, Patriarchat, Rassismus, Antisemitismus, Geschichtspolitik und Berliner Stadtentwicklung waren Gegenstand unserer Zusammensetzungen. Studentische Bewegungen blieben lange Zeit der Schwerpunkt unseres Archivs.
So viel Zeit hatten wir nie wieder. Wir waren lange nicht das einzige Wohnzimmer-Projekt dieser Art. Wir haben nie behauptet, etwas Neues zu machen. Nur eigen und ohne die Position der Repräsentanz zu akzeptieren.
Kein Zurück in die Kleinstadt der Hausverbote, aber nach einer Weile dann doch Kontaktverlust bei Eintritt ins Berufs- und Familienleben. Da spätestens hörte das hier imaginierte „wir“ auf, das sich im kurzen Diskurs vom Prekariat möglicherweise neu findet, auch wenn einige offensichtlich prekärer sind als andere. Was macht man, was nicht?

Arthur Kritzler 2008