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Vom Protest zum Infostand – die „Konkret“ zum Unimut 1989

Aus unserer Rubrik „Erlebnisberichte“ zitieren wir diesmal einen Text von Miriam Lang, der im Original in der Zeitschrift „Konkret“ vom Februar 1989 erschien. Insbesondere die Situation in Westberlin wird hier beleuchtet:

Vom Protest zum Infostand

Der Stern auf dem Wipfel des Weihnachtsbaums ist original Daimler-Benz. Anstelle von Kerzen stecken kunstgerecht gedrehte Joints zwischen den Tannennadeln. Luftballons und eine Plastikfolie geben dem Weihnachtsbaum die glitzernde, farbenfrohe Note. Bei Kerzenschein und Tofu-Gulasch aus Plastiktellern feiern etwa dreißig StudentInnen Weihnachten am Lateinamerika-Institut der Freien Universität in Westberlin (FU). Die Sekretärinnen, die ihnen den Baum fürs Fest gestiftet haben, können seit nunmehr vier Wochen ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen: Das Lateinamerika-Institut ist besetzt. Und seit Streikbeginn Anfang Dezember sind die Uniräume so gut und ausdauernd besucht, wie sonst nie. Wie in längst vergangen gewähnten Zeiten wird dort gemeinsam gekocht, geschlafen, gegessen und diskutiert. Großmarktausweise werden für Masseneinkäufe kollektiviert, und in der U-Bahn tauschen Freunde neue Telefonnummern: zu erreichen in der Universität. Nach Hause fahren viele nur noch, um den Briefkasten zu leeren oder wenn das Bedürfnis zu duschen, dringend wird. (mehr…)

Die Karten werden neu gemischt – Der Unimut und die Linke

Bereits 1990 präsentierte Pascal Beucker in den „Blättern für deutsche und internationale Politik“ eine Analyse des UniMut und beschäftigte sich unter anderem mit dem Verhältnis zwischen der Bewegung und den „etablierten“ linksstudentischen Organisationen. Letztere kommen dabei eher schlecht weg:

Die StudentInnenbewegung des Wintersemesters 1988/89 überraschte und verblüffte nicht nur die breite Öffentlichkeit sondern ebenso die organisierte Linke an den Hochschulen. Recht bequem eingerichtet in den linken Nischen der studentischen Selbstverwaltung und mit sich selbst ausreichend beschäftigt, mußte die Linke hilflos mitansehen, wie eine Bewegung an ihr vorbei entstand, die sich in althergebrachte Kategorien nicht einordnen ließ. Die „neue StudentInnenbewegung“ legte eine Krise der Hochschullinken offen, deren Überwindung gerade auch in der genauen Analyse dieser Bewegung liegt.

Interessant auch die Protestmethoden, sogar die mailboxen als Ur-Vorläufer der Blogs sind schon dabei:

So unterschiedlich wie die jeweiligen Zündfunken des Protestes, so vielfältig waren auch dessen Aktions- und Kommunikationsformen: Vorlesungsboykott, aktiver Streik bis zur harten Institutsbesetzung; „Latschdemo“ oder kommunikatives Happening; Wandzeitung, Piratensender oder MailBox-System – alles war im Repertoire vertreten. Grundsätzlich galt dabei das Prinzip der Selbstorganisation. Erstaunlich war das große Selbstbewußtsein, welches sich im Laufe der Bewegung aufgrund von öffentlichem Interesse und der Erfahrung geschaffener Freiräume noch steigerte, z. T. jedoch zu einer Selbstüberschätzung führte, die nach dem Abbröckeln der Bewegung Mitte Januar 1989 häufig in Frustration umschlug, wenn in der vormals „befreiten Uni“ wieder dem ganz alltäglichen Scheinerwerb nachgegangen werden mußte.

Den ganzen Artikel könnt ihr hier finden.

Unimut vs. 68 – ein Vergleich?

Für alle, die nicht nur im Supermarkt gerne vergleichen findet sich auf den Seiten des AStA FU Berlin unter dem lustigen Titel „Von der Weltrevolution zur BAföG-Reform“ ein netter Artikel zu verschiedenen Studiprotesten in der BRD, unter anderem auch zum Unimut von 1988/1989.

Einige Zeitlose Sätze zum Thema Studierendenprotest seien hier zitiert:

… ´68, ´88, ´97. Diese Jahreszahlen stehen für besonders intensive und gleichzeitig für ihre Zeit charakteristische Studierendenproteste.

Jedes Mal entlud sich der Unmut einer neuen Generation von Studierenden, nur ganz hartgesottene Dauerstudierende haben mehr als eine der beschriebenen Bewegungen miterlebt. Dies ist auch der Anlaß der Untersuchung: wegen der kurzen und immer kürzeren Verweildauer an den Universitäten ist es für viele StudentInnen unmöglich, Hochschulpolitik aus einer langfristigen Perspektive zu erfassen.

Immer wieder neue Jahrgänge strömen hoffnungsvoll und wißbegierig an die Universitäten. Dort werden sie schnell mit verkrusteten Strukturen, hoffnungsloser Überfüllung und jeder menge Ignoranz konfrontiert. Manche wechseln das Fach oder brechen das Studium ab, die Hartnäckigeren versuchen in den Gremien die Situation zu verbessern. Irgendwann platzt aber auch diesen der Kragen, zusammen mit der gefrusteten Masse gelingt es Demonstrationen, eine Besetzung, einen Streik zu organisieren, das ganze kommt in die Zeitung, und plötzlich scheint es, als könnte sich etwas verändern.
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